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Eine Buchbesprechung von Heidrun Ochs.

Warum sollte man diesen Bericht von Hape Kerkeling über seine Reise auf dem Jakobsweg lesen, wo doch Shirley MacLain und Paolo Coelho schon einen ebensolchen vorgelegt haben? Weil es Hape Kerkeling wirklich gelingt, den Leser mit auf seine Reise zu nehmen und weil er überraschende Antworten auf Fragen gibt, die sich jeder Mensch schon einmal im Laufe seines Lebens gestellt hat. Dabei erspart er den moralischen Zeigefinger und von seinem Sprachwitz bekommt man ohnehin nie genug.

Ein Buch, das ich seit langer Zeit mal wieder verschlungen habe. Kerkeling erweist sich hier als Narr im althergebrachten Sinne, man bekommt den Spiegel vorgehalten und lacht dabei, obwohl es einem mitunter auch bitter aufstößt, seinen eigenen Macken und Schwächen auf die Schliche zu kommen. Der Autor hat ja angekündigt, dass er sich mal wieder (bis 2009) aus dem Showbusiness zurückziehen will, um sich dem Schreiben zu widmen. Da jubelt doch der Leser in mir! Mehr davon! Diese teilweise überraschenden, skurrilen und nicht immer unbestrittenen Gedankengänge, davon kann es gar nicht genug geben!

»Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken, [...] wer in sich fremde Ufer spürt und Mut hat, sich zu recken, der wird im Mondschein ungestört sich selbst entdecken.«
Wohl kaum andere Zeilen als diejenigen von Novalis könnten das Reiseerlebnis Hape Kerkelings besser zusammenfassen.

Der Jakobsweg, so erfährt der Leser, wird von zarten Faltern gesäumt, sieht man keinen von ihnen, so ist das ein sicheres Indiz dafür, dass man vom Pfad abgekommen ist.
Ein Hörsturz und Gallensteine lassen den Autoren gewaltig die Notbremse ziehen. Er will sich selbst wieder auf die Spur kommen, Gott finden und mit sich und seiner Welt ins Reine kommen. Nicht nur seine Freunde, auch er selbst hält die Idee, das durch Pilgern zu erreichen, für schlichtweg verrückt. Jeder andere in seiner Situation würde eine Kur beantragen und nur noch relaxen wollen. Weiß der Geier, was Kerkeling reitet, 800 km quer durch die spanische Pampa zu latschen. Er weiß es selbst nicht, kommentiert lakonisch: »Ich wurde gerufen.« Und so zwängt er sich in seine Wanderschuhe, packt einen elf Kilogramm schweren Rucksack in Signalfarbe, zieht sich ein Käppi von ebenso auffallender Farbgebung auf und zieht los. Zunächst treibt ihn die Angst, auf Nimmerwiedersehen verloren zu gehen. Oha. Wie überhaupt einige Passagen von einer schonungslosen Offenheit sind und Seiten an dem Menschen Hape Kerkeling, der sich selbst als Komiker bezeichnet, offenbaren, die man nie und nimmer vermutet hätte.

Zu Ende seiner Pilgerreise resümiert er, dass er immer noch keinen Gefallen am Wandern gefunden habe, dafür aber jede Menge Antworten auf seine Fragen bekommen habe und davon erzählt dieses Buch. Im Laufe der Zeit beschließt er, dass seine Tagebuchaufzeichnungen einen so reichen Erfahrungsschatz bieten, dass er diesen auch anderen Menschen zukommen lassen möchte.
Das stundenlange, einsame Wandern lässt auch gar keine andere Möglichkeit zu, als sich mit sich selbst und den drängenden Fragen, die das Leben stellt, auseinander zu setzen. Hape Kerkeling dringt in tiefe Schichten vor und fördert Erstaunliches zutage. Die großen Fragen nach Leben und Tod und dem Sinn des Leids treiben ihn auf seinem Weg förmlich voran. Einmal gar wird Kerkeling zum heroischen Retter eines kleinen Hundes mit rotem Fell.

Hilfreich sind all die kleinen Zeichen auf dem Weg, die der Autor wie Mosaiksteine aufsammelt und zu einem Großen und Ganzen fügt. Hell und Dunkel, Licht und Schatten kreuzen seinen Weg. Er meditiert im Kreuzgang eines Klosters und lernt von Jose, einer toughen Niederländerin, dass, wenn er etwas brauche, dies beim Universum bestellen muss. Kerkeling probiert es aus und es klappt! Dieser Weg ist voll der Wunder und Hape trifft auf zwei Menschen, mit denen er sich prächtig versteht und die ihm viel dabei helfen, das Rätsel zu lösen, was für ein Mensch er denn sei.

In der Schule hat er Französisch, Spanisch und Italienisch gelernt, was sich als äußerst hilfreich erweist. Der Weg selbst aber kennt Fächer, die an keiner Schule unterrichtet werden, die aber unentbehrlich sind, will man sein Leben bestreiten, als da wären: Vertrauen, Humor, Zweifel, Wut, Gegenwärtigkeit, Herzlichkeit, Konstanz, Aufmerksamkeit, Gelassenheit, Konsequenz, Loslassen, Mut und die Bereitschaft, Gott in sein Leben einzuladen. Die Lehrmeister sind manchmal unerbittlich und manchmal auch witzig und nicht nur Kerkeling, auch der Leser lernt einige der Lektionen dieser Reise, zum Beispiel durch die fast schon philosophisch anmutenden Abhandlungen und Gleichnisse über die Existenz und das Wesen Gottes. Der Pilgerzug, so folgert Kerkeling, lasse sich wie eine Parabel des Lebens deuten. Jeden Tag fasst er seine Erlebnisse in einer Erkenntnis zusammen.

Die Erkenntnis des Lesers nach Beendung der Lektüre lautet: Man muss nicht die beschwerliche Pilgerreise nach Santiago de Compostela auf sich nehmen, sie ist nur eine von unendlichen Möglichkeiten, das Wunder zu entdecken, das man ist. Wichtig ist, dass man lernt, bewusst und aufmerksam sein Leben zu leben.

(Kerkeling, Hape: Ich bin dann mal weg. Meine Reise auf dem Jakobsweg, Piper Verlag, München, 2006, € 19,90)

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Kerkelen entzweit die Meinungen der Jakobspilger; die Einen sind gegen das "Promi-Pilgern" und das Ausschlachten von persönlichen Erfahrungen, Andere schätzen dieses authenthische Werk und den ehrlichen Umgang persönlcher Erfahrungen. Ich gehöre zu den Anderen, wenngleich es eine Gradwanderung ist "Pilgern einfach zu vermarkten". Er wollte das selbst nicht, das spricht für Kerkelen. In Innsbruck hat er kürzlich vor 1300 Besuchern aus seinem Buch gelesen. Die Teilnehmer konnte er gut überzeugen. So hoffe ich, dass er für andere ein guter Wegbereiter ist, weiter Mut macht sich selbst auf den Weg zu machen. "Ich bin mal weg" ist inzwischen zu einem geflügelten Wort geworden. Vielleicht sollten wir uns das auch öfter zugestehen (darum bin ich auch hier gleich weg).

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Einstieg ins Pilgern

Erstellt von Pilgerbegleiter 14. Nov 2008 at 12:06. Zuletzt aktualisiert von Christine Dittlbacher 11. Apr 2016.

Benediktweg

Erstellt von Michaela 8. Mai 2009 at 9:41. Zuletzt aktualisiert von Christine Dittlbacher 11. Apr 2016.

Spirituelle WegbegleiterInnen

Erstellt von Christine Dittlbacher 22. Feb 2011 at 10:02. Zuletzt aktualisiert von Christine Dittlbacher 11. Jun 2014.

Begleiter auf dem Weg

Erstellt von Christine Dittlbacher 1. Apr 2011 at 15:40. Zuletzt aktualisiert von Christine Dittlbacher 1. Apr 2011.

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